Mit der Interviewreihe FINO Tough Talk startet die bol Behörden Online Systemhaus GmbH ein neues Dialogformat für Vordenkerinnen und Vordenker, Entscheidungsträger sowie prägende Persönlichkeiten, die die digitale Transformation der öffentlichen Verwaltung aktiv gestalten.
Im Mittelpunkt stehen Menschen, die Verantwortung übernehmen, Veränderungen vorantreiben und die Chancen von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz für Staat und Verwaltung nutzbar machen. In offenen, direkten und zugleich persönlichen Gesprächen beleuchtet FINO Tough Talk Erfahrungen, Perspektiven, Erfolge, Herausforderungen und Zukunftsvisionen.
Die Interviews erscheinen auf LinkedIn und werden in regelmäßigen Abständen mit ausgewählten Persönlichkeiten veröffentlicht, die bereit sind, auch auf anspruchsvolle Fragen klare und authentische Antworten zu geben.
FINO: Lieber Herr Dr. Strepp, als Amtschef des Bayerischen Staatsministeriums für Digitales gestalten Sie die Digitalisierung des Freistaats Bayern maßgeblich mit. Mit dem Aufbau des ersten Digitalministeriums Deutschlands und Ihrer Arbeit an Zukunftsthemen wie Künstlicher Intelligenz, eGovernment und moderner Verwaltung setzen Sie wichtige Impulse für die digitale Transformation unseres Landes.
Wir freuen uns sehr, Sie heute bei FINO Tough Talk begrüßen zu dürfen und mit Ihnen über die Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung in Staat und Verwaltung zu sprechen.
Deutschland ist zweifellos ein Land mit enormem Ingenieurswissen, exzellenten Universitäten und großen finanziellen Möglichkeiten. Warum gelingt es uns dennoch so selten, aus guten Ideen schnelle, sichtbare Lösungen zu machen? Ist das ein Technologieproblem oder inzwischen eher ein Kulturproblem? Was ist das Problem?
Dr. Strepp: Ich bin überzeugt, dass es ein kulturelles Problem ist und ein bisschen sind wir auch Opfer unseres Erfolgs in früheren Zeiten. Wir haben in vielen Bereichen in Deutschland sehr gut funktionierende analoge oder auch automatisierte Prozesse aus der Vergangenheit. Auf diesem Fundament hatten wir weltweit eine der bestfunktionierenden Verwaltungen, bis die digitale Revolution Einzug hielt. Jetzt müssen wir verstehen und einsehen, dass diese Basis erneuert werden muss und wir den Fokus auf die Technologie der Gegenwart richten müssen.
Aber es fällt uns schwer, die Vergangenheit und das Erreichte einfach hinter uns zu lassen. Wir sind vielleicht auch nicht diejenigen, die es schaffen, äußere Umstände wie globale Krisensituationen als historische Wendepunkte zu sehen, Energien in unserer Gesellschaft freizusetzen, die uns zu Revolutionären machen. Wir sollten eher Experimentierfreude und auch die Bereitschaft zu großen Veränderungen aus einer intrinsischen Motivation heraus entfalten. Mit Blick auf die Offenheit und Digital-Affinität der jungen Generation bin ich überzeugt, dass das gelingt.
FINO: Dann eine vielleicht etwas provozierende Frage: Sie haben gerade die junge Generation angesprochen, wie gesagt mit Unterstützung von KI, und die KI hat da eine interessante Frage zur Bürokratie. Also wenn ein Startup 6 Monate benötigt, um ein Produkt auf den Markt zu bringen, die öffentliche Verwaltung aber teilweise 6 Jahre für vergleichbare Vorhaben braucht, wie kann der Staat in einer exponentiellen Welt überhaupt noch Schritt halten?
Dr. Strepp: Der Staat muss gar nicht so schnell Schritt halten, wie es Akteure in einem ökonomischen Umfeld tun müssen. Das ist nicht die Aufgabe des Staates. Der Staat muss sogar gewisse Verzögerungen und Pufferungen einbauen, um nicht jeder Bewegung einer Entwicklung hinterherzuhecheln. Er sollte erst dann etwas für sich implementieren und übernehmen, wenn klar ist, dass das die Zukunft ist und wo die Richtung allgemein hingehen wird.
Insofern ist der Staat nicht in einer Drucksituation, wie es Marktteilnehmer oder Start-ups sind. Gleichwohl soll das nicht dazu führen, dass man sagt, naja gut, wir müssen uns gar nicht bewegen, wir warten, bis wir bewegt werden. Dahin sollte es der Staat natürlich nicht kommen lassen.
Die öffentliche Verwaltung muss allerdings in einigen Bereichen schon Anker- oder Vorbildentscheidungen fällen. Das betrifft zum Beispiel den Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Ich glaube, insgesamt brauchen wir eine KI-affine Gesellschaft, also eine, die die Chancen der Künstlichen Intelligenz sieht und ergreift, ohne ihre Risiken zu überspielen. Wenn wir KI als Gesellschaft insgesamt einsetzen, darf der Staat nicht lange zögern.
FINO: Stichwort Risiko. Vielleicht die passende Mutfrage dazu: In Deutschland diskutieren wir häufig zuerst über Risiken, Datenschutz und mögliche Hindernisse, bevor wir neue Technologien einsetzen. Ist unsere Stärke zur Vorsicht inzwischen zu einer Schwäche geworden?
Dr. Strepp: Das sind immer unterschiedliche Zyklen. Im Moment kann es tatsächlich sein, dass wir im internationalen Vergleich etwas zu risikobehaftet und vorsichtig wirken. Es kann auch wieder eine Zeit kommen, wo diese Herangehensweise eine Tugend wird und andere uns aus leidvoller Erfahrung um unsere Zurückhaltung beneiden. Deswegen will ich das gar nicht so schwarz-weiß zeichnen.
Am Ende geht es letztlich um die Bereitschaft, Veränderungen, wie sie sich abzeichnen, mitzugehen und sich flexibel auch darauf einzulassen. Das bedeutet ja nicht, dass man sich risikoblind in irgendwas hineinstürzt. Aber es heißt auf jeden Fall, dass man die Offenheit mitbringt, sich neue Technologien anzuschauen und prüft: Was ist davon für mich adaptierbar und was sind Innovationen, die ich zwingend benötige, weil sie in Zukunft Kulturtechniken sein werden.
Als die Dampfmaschine erfunden wurde, war allen klar, dass man mit Pferdekraft allein keinen Erfolg mehr haben wird. So ist es jetzt mit der Künstlichen Intelligenz. Das ist aus meiner Sicht unbestritten. Aber diese Offenheit bedeutet keineswegs, dass wir blind alle Bedenken und möglichen Risiken verneinen und uns in eine reine Experimentiergesellschaft verwandeln.
FINO: Jetzt natürlich noch eine Bayern-Frage: Bayern wird häufig als Vorreiter wahrgenommen. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass sich Deutschland mit einzelnen Leuchtturmprojekten zufriedengibt, während die breite Umsetzung ausbleibt. Wie verhindern wir, dass gute Beispiele bewundert, aber nicht kopiert werden - also wie kriegen wir die Leuchttürme in die Fläche?
Dr. Strepp: Das ist eine sehr starke Kommunikationsaufgabe und auch eine Aufgabe, die der Staat selbst mit einer gewissen Leuchtturm- oder Ankerfunktion angehen muss. Wir haben viele Programme gerade im Freistaat Bayern laufen, die sich damit beschäftigen, wie man moderne Technologien in den Mittelstand, in die Fläche, weg von den großen Playern und den Metropolen hin auch zu unserem Rückgrat im Mittelstand und in die ländlichen Gebiete bekommen kann. Das wird eine Daueraufgabe bleiben und es wird natürlich auch immer Zeitunterschiede geben.
Bayern war aber immer gut darin, einen Mix zu haben: Ein starker Motor, der gezogen hat, und eine gesunde Diversifizierung als zweites Standbein - am Ende haben alle von dieser Konstellation profitiert. Wir sind beispielsweise mit unserem Fachhochschulnetz oder auch durch Programme, die den Mittelstand in allen Bereichen adressieren, sehr gut aufgestellt.
Wir haben in der Vergangenheit technologische Umbrüche nicht nur bewerkstelligt, sondern sie uns zunutze gemacht. Das werden wir mit der Digitalisierung auch tun, da bin ich mir sicher.
FINO: Herzlichen Dank für das Gespräch, Herr Dr. Strepp!